aktuelle Leseprobe

 

Besuch bei Nikos

Kritisches zum Thema Übertherapie

von Hans Wögerbauer

In Pitsidia, einem kleinen Dorf auf Kreta, besuchten wir ein altes Paar. Er, ein zierlicher alter Mann mit dem Namen Nikos, eben 103 Jahre alt geworden, sie, 98 Jahre alt, seine Schwägerin, die seit dem Tod seiner Gattin bei ihm lebt und ihn pflegt. Uns faszinierte der zärtliche Umgang der beiden miteinander. Der alte Mann lag auf seiner Liege, fesch – mit schwarz gestreifter Hose und blütenweißem Hemd – angezogen. Wer das Haus sauber hält und den Haushalt führe, war unsere Frage. Das mache ich selbst, war die selbstverständliche Antwort der Frau. Sie war rüstig, voll beweglich und nicht eine Spur von verkalkt. Sie strich ihrem Schwager zärtlich über den Kopf und sagte ihm, dass wir auf Besuch gekommen seien, um von ihm zu lernen. Erst jetzt bemerkten wir, daß Nikos blind oder zumindest stark sehbehindert war. Auf der rechten Wange befand sich eine ca.3 cm große, schwarze Hautwucherung, wahrscheinlich ein Hautkrebs.

Wir plauderten, fragten dies und jenes und verließen nach einer Weile mit den Wünschen für ein langes, gesundes Leben, die uns die alte Frau mit auf den Weg gab, das Haus. Nikos hatte keinen einzigen Spitalsaufenthalt hinter sich. Würde er bei uns leben, wäre er wahrscheinlich schon mindestens dreimal operiert worden, einmal an dem Hautkrebs an der Wange, mit all den notwendigen Nachkontrollen und zweimal am grauen Star. Ich bin sicher kein Verfechter des therapeutischen Nihilismus bei alten Menschen, habe ich doch bei vielen meiner Patienten erleben dürfen, wie selig diese z.B. nach der Augenoperation waren.

Aber ich habe oft erlebt, dass sinnlose Abklärungen zu unnötigen Spitalsaufenthalten führten und wie belastend jeder Ortswechsel besonders für hochbetagte Menschen ist. Vor allem alte Menschen mit Zusatzversicherung sind diesbezüglich besonders »gefährdet«. Zusatzversicherung kann Schutz und Geborgenheit bedeuten, aber auch eine Verleitung sein, mehr zu tun, als sinnvoll ist.

Plötzlich kam mir ein Szenario in den Sinn, wie es wohl aussehen könnte, würde Nikos fälschlicherweise übertherapiert werden: Bereits vor 10 Jahren wäre Nikos wegen Abklärung eines Hauttumors stationär aufgenommen und operiert worden. Wegen der Größe des Hautdefektes ist eine Hauttransplantation notwendig. Der alte Herr hatte sich enorm aufgeregt. Das erste Mal weg von seiner Schwägerin, weg von seinem Haus.

In der ersten Nacht ist Nikos verwirrt, weiß nicht, wo er ist, irrt im Spital herum. Die Schwester führt ihn zurück ins Bett, der herbeigerufene Arzt verordnet ein Schlaf- und Beruhigungsmittel. In der 2. Nacht irrt er wieder herum, wird aggressiv, weil er sich nicht halten lässt, möchte er doch gerne nach Hause. Untertags schwer sediert (beruhigt) von den Medikamenten, liegt er teilnahmslos im Bett, starrt auf die Decke und lässt willenlos die Verbandwechsel über sich ergehen.

Die Nächte sind es, die Nikos belasten. Die Beruhigungsmittel werden gesteigert. Senile Demenz1 stellt der diensthabende Arzt fest und beschließt eine sichere Dauermedikation. Da der Blutdruck auch nicht in Ordnung ist, muss dieser eingestellt werden. Ärzte, Schwestern und Pfleger sind enorm bemüht – es werden weder Geld noch Mühe gescheut, alle wollen nur das Beste für Nikos. Unser alter Mann fühlt sich aber elend, muss wegen einer Wundheilungsstörung länger im Spital bleiben, da er sich in seiner Verwirrtheit den Verband mehrmals heruntergerissen hat. Die Nächte sind nach wie vor mühsam. Es wird ein Gitterbett nötig, weil Nikos über alle Absperrungen steigt. Die Dauersedierung2 und seine Verwirrtheit lassen ihn Stuhl und Harn verlieren. Er bekommt Windeln und Harnkatheter. Wegen der Bettlägerigkeit wird er immer schwächer, die Muskulatur nimmt rasch ab. Er kann kaum noch gehen, wird im Rollwagen spazieren geführt. Seine Schwägerin ist verzweifelt.

Die weite Anreise zum Krankenhaus nimmt sie sehr her. Sie weiß um ihre Wichtigkeit, seine traurigen Züge erhellen sich jedoch nur mehr kurz, wenn sie ihn besuchen kommt. Nach weiteren 10 Tagen wird über Entlassung gesprochen. Die alte Frau sieht sich außerstande, diesen verwirrten, in Windeln gewickelten alten Menschen mit Harnkatheter zu Hause zu pflegen. Deshalb wird ein Pflegeheimantrag gestellt, und weitere 14 Tage später übersiedelt er – im Tragsessel getragen – ins Pflegeheim. Trotz professioneller Pflege erholt sich Nikos nicht mehr. Wegen des Katheters bekommt er einen Harnwegsinfekt nach dem anderen, Antibiotikum wird notwendig, und die Verdauung ist wegen dieser Medikamente vollends durcheinander. Durchfälle schwächen ihn, Appetit hat er keinen, und es kommt zum weiteren Kräfteverlust. Einige Monate später stirbt er im staatlichen Pflegeheim an einem Schlaganfall.

Können wir denn so ein Szenario im Buch »einfach gut leben« schreiben? frage ich meinen Bruder Georg. Wir alle, die im Gesundheitsbereich tätig sind, haben eine große Verantwortung gegenüber den uns anvertrauten und sich uns anvertrauenden Menschen!

Alles, was heute machbar ist, muss noch lange nicht notwendig sein! Wir glauben, dass besonders alte Menschen oft übertherapiert werden. Uns ist dies beim Besuch des 103-jährigen Nikos klar geworden. Wir haben ihn bewusst von der Seite fotografiert, von der der Hautkrebs nicht sichtbar war. Mit der Blindheit kann Nikos sicherlich gut umgehen, und ich würde ihm keine Kataraktoperation1 empfehlen. Seine Schwägerin pflegt ihn, wie es kein noch so professionelles Heim je könnte. Beide wirken zufrieden, ich kann ruhig schreiben, sie wirken glücklich und gesund.
Vielleicht bedeutet einfach gut leben auch mehr Bescheidenheit bei therapeutischen Interventionen, um funktionierende Lebensräume nicht zu stören.

Gerne nehmen wir die Wünsche der alten Frau an: Ich wünsche Ihnen viele gesunde Jahre.

Mein Bruder und ich sind um einen großen Erfahrungsschatz reicher geworden und werden zukünftig noch sorgfältiger »notwendige« Untersuchungen und Eingriffe abwägen.

 

aus:

einfach gut leben

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.