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Hast du heute schon was Schönes erlebt?

Montag Morgen! Blutabnahmen in der Ordination, Erst-gespräche und viel zu viele Telefonanrufe. Ich merke, wie mein Tempo noch gar nicht mit dem »Wirbel« in der Ordination zusammenpasst. Ich spüre, dass ich nicht so richtig in Schwung komme.

Wieder werde ich verbunden – eine liebe Patientin, auch Freundin von mir. Hast du heute schon was Schönes erlebt? fragt sie ganz direkt und ohne mich vorerst lange zu begrüßen.

Silvia lebt mit ihrer Familie nur einige Dörfer von meinem Hof entfernt. Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt sie eine große Landwirtschaft, und gemeinsam mit ihrem Mann ist sie stolz auf das schöne Land, das sie bewirtschaften. Du musst dir heute beim Nachhausefahren einen Umweg erlauben und bei meinem blühenden Mohnfeld vorbeischauen. Stell’ dich einfach hin, lass’ dir Zeit und schau’ dir die Farben von meinem Feld an!

Manchmal werden uns Bilder geschenkt. Wenn wir sie in uns einlassen, dann können sie uns Kraft und auch die nötige Ge­lassenheit geben, einen Tag zu leben – auch wenn es einmal hektisch ist. Den ganzen Tag lang habe ich in der Ordination – mit dem Bild von Silvias Feld vor Augen – gearbeitet. Es hat mir Kraft gegeben, bevor ich es noch gesehen habe. Wir können uns Energien schicken und schenken. So ist es leichter, Menschen zu bewegen, die keine Bilder mehr haben oder in sich einlassen.

Nachdem ich um fünf Uhr am Nachmittag auch die Visiten beendet hatte, fuhr ich zum Mohnfeld. Ich war aufgeregt, als würde ich ein großes Geschenk erwarten.

Und ich bekam eines. Mein Auto ließ ich stehen und wan­derte über einen Hügel zum farbenprächtig blühenden Feld.

Einfach stehen bleiben, Wind spüren, Farben sehen, lautstar­kes Bienengesumme hören – und viel Dankbarkeit für diesen Tag, für dieses Geschenk und für Menschen, die es nicht verlernt ha­ben, andere auf Schönes aufmerksam zu machen – Schönes mit ihnen teilen wollen und sie damit auch beschenken!

Es scheint mir wichtig, dass wir lernen unser Leben zu gestalten und wieder unser Tempo – unseren Rhythmus – finden. Erst dann, wenn wir gestalten und uns nicht ständig gestalten lassen, erst wenn ich mein Tempo wählen kann, bin ich wieder in der Lage, in mir und rund um mich mehr wahrzunehmen.

Es gibt oft »kleine« Geschenke, die große Kräfte freisetzen: Begegnungen, Beziehungen, Blicke, ein Mohnfeld, und vieles mehr.

Es geht primär ums Wahrnehmen, dann ums Annehmen!

… und Nehmen ist oft schwerer als Geben!

aus:

einfach gut leben

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.