Pressespiegel

derStandard

Standard Mentoring Circle
Interview, März 2012

“Panikattacken, Libidoverlust, Intoleranzen, Beziehungskrisen, Sucht”
Arzt und Psychotherapeut Georg Wögerbauer über die Symptome unserer Zeit

Dr. Georg WögerbauerChronische Überlastung im Arbeitsalltag und im Privatleben führt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen, Tinnitus und unterschiedlichsten Formen von Erschöpfungsdepression. DER STANDARD Mentoring Circle lud vor kurzem zum Workshop mit Arzt, Psychotherapeut und Coach Georg Wögerbauer. Generell ortet Wögerbauer fehlende Wertschätzung von Führungskräften gegenüber sich selbst und ihren Mitarbeitern und rät zum freundlichen Blick in den Spiegel.

derStandard.at: Sie sind Allgemeinmediziner und Psychotherapeut: Haben sich die Anliegen der Menschen, die stressbedingt zu Ihnen kommen, in den vergangenen Jahren geändert?

Wögerbauer: Für mich haben sich nicht die Anliegen geändert aber die Intensität. Die Häufigkeit stressbedingter Erkrankungen hat nach meiner Wahrnehmung in den letzten 20 Jahren zugenommen. Auch kommen immer mehr junge Menschen, die mit chronisch krankmachenden Stress-Situationen nicht mehr zurecht kommen in die ärztlich-therapeutische Praxis. Die Menschen sind zwar immer besser durchuntersucht und haben immer mehr Befunde gesammelt, aber deswegen leben sie nicht nachhaltig gesünder.

derStandard.at: Der Körper lügt angeblich nie – mit welchen Symptomen kommen Menschen, die mitten im Berufsleben stehen, zu Ihnen?

Wögerbauer: Panikattacken, Intoleranzen, Sucht-Entwicklungen, Beziehungskrisen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen, Tinnitus und unterschiedlichste Formen von Erschöpfungsdepression sind die Antwort darauf, dass sich viele Menschen chronisch überlastet und überfordert fühlen und vielfach mit ihren Beschwerdebildern alleine sind, weil gesellschaftliche und soziale Regulationsmechanismen versagen.

Häufig kommen Menschen mit dicken Befundmappen zu mir: von der Histaminaustestung über Knochendichtemessung bis zur Coloskopie sind sie schulmedizinisch 120-prozentig bedient worden, fühlen sich aber dennoch unzufrieden und krank. Viele leiden darunter, dass sie ihr Leben nicht mehr aktiv gestalten können, sondern sich vielfach gesteuert fühlen, privat kaum mehr abschalten können, ihre Hobbys vernachlässigen, sie beklagen eine kleiner werdenden Freundeskreis und oft auch fehlende Wertschätzung am Arbeitsplatz für ihre Tätigkeiten, für das was sie einbringen, für das was gelingt. Ich denke dass die mangelnde Feedback-Kultur eine der größten Fehler ist von Führungskräften.

derStandard.at: Woran liegt dieser Mangel?

Wögerbauer: Das hat meist damit zu tun, dass Führungskräfte oft selbst Probleme haben, mit sich selbst wertschätzend umzugehen, was sich natürlich auf die von ihnen geführten Menschen auswirkt. Ich nenne das die Fähigkeit zum liebevollen Spiegelbild in der Früh unmittelbar nach dem Aufwachen. Führungskräfte beklagen oft, dass erreichte Ziele nicht gefeiert werden. Kaum ist ein Ziel erreicht, liegen drei neue Zielvorgaben am Schreibtisch. Die Menschen verlieren dann zunehmend die Motivation, auch die Freude an der Arbeit und beschreiben und erleben sich wie den typischen Hamster im Laufrad, auch mit dem Unvermögen, eine sinnvoll Exit-Strategie für sich zu entwickeln. Wenn dieser berufliche Druck dann noch entsprechend durch Suchtverhalten und/oder Beziehungsprobleme potenziert wird, kann es dann früher oder später zu den oben beschriebenen Erschöpfungssymptomen bis hin zur manifesten Depression mit allen möglichen Somatisierungen kommen.

derStandard.at: Sie geben auch Workshops für Führungskräfte. Wie unterscheiden sich die Stresssituationen jüngerer im Vergleich zu jenen erfahrenerer Führungskräfte?

Wögerbauer: Bei jungen Führungskräften stehen Verhaltensauffälligkeiten im Zusammenhang mit chronischen Distress-Situationen im Vordergrund: Aggressivität, Suchtverhalten, Beziehungsprobleme, Libidoverlust, chronische Gastritis, soziale Isolation, Bewegungsmangel, fehlende Freizeitkultur. Junge Führungskräfte sogenannte “High Potentials” werden von ihren Führungskräften sehr wohl gefördert, aber auch nachträglich gepusht. Vielfach wird eine Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit über Black Berrys gefordert. Die gesamte Lebenssituation dieser Menschen, die meist in der Phase der Familiengründung, des Hausbaus sind, Kreditverpflichtungen eingehen und das bei Arbeitszeiten von 50 bis 60 Stunden pro Woche, wird aber meist nicht gesehen.

Bei den sogenannten erfahreneren, älteren Führungskräften kommen zu den Verhaltenssymptomen zunehmend körperliche Symptome dazu: Schlafstörungen, Übergewicht, Reizdarmsymptomatik, wieder Suchtverhalten und Bewegungsmangel, Ernährungsfehler, Hypertonie, Herz-Krankheit und anhaltende Wirbelsäulenbeschwerden aufgrund chronischer Verspannungsmuster und Bewegungsmangel.

derStandard.at: Und wie unterscheiden sich auch die Strategien damit umzugehen?

Wögerbauer: Sowohl bei den jungen als auch bei den erfahreneren Führungskräften geht es um eine Lebensstil-Modifikation. Vielfach ist es notwendig, chronisch Gestresste für einige Zeit aus ihrer Alltagsbelastung herauszunehmen, damit sie sich, ihren Körper, ihre Bedürfnisse und ihr soziales Umfeld wieder wahrnehmen können. Ausgehend von dieser Standort-Bestimmung kann dann schrittweise eine Neugestaltung des Lebens versucht werden, mit der Fragestellung: Was sind meine Prioritäten in der persönlichen Lebensgestaltung für mich, für meine Beziehungen und für meinen beruflichen Weg?

Bei älteren Führungskräften sind dann naturgemäß schon oft ärztliche und medikamentöse Interventionen erforderlich, wobei ich der Meinung bin, dass aktuell die jungen Führungskräfte derzeit wesentlich mehr unter Druck stehen als die älteren, die sich vielfach schon ihre Sicherheiten und Positionen geschaffen und abgesichert haben.

derStandard.at: Wie merkt man rechtzeitig, wann die Grenze vom guten zum schlechten Stress überschritten wird? Gibt es Signale?

Wögerbauer: Der Eu-Stress oder gute Stress ist spürbar, wenn ich begeistert gestalten kann, wenn ich Visionen habe, Ziele habe, erreichte Ziele auch feiern kann, wenn es möglich mit ganzer Aufmerksamkeit an einer herausfordernden aber auch bewältigbaren Aufgabe zu arbeiten. Eu-Stress hat mit Begeisterung zu tun, mit Kooperation, mit Teamworking, mit Lernen und Nutzen der persönlichen Fähigkeiten. Ich sage immer, der Körper ist unser bester Coach und verfügt über eine Fülle von Warnsignalen, wann wir von der befriedigenden, erfüllenden Arbeit in die Situation der Fremdbestimmtheit, des Gejagtseins und Erschöpftseins kippen. Ab einer gewissen Intensität von Überlastung verlieren wir jedoch das Sensorium, die Fähigkeit, diese Warnsignale wahrzunehmen, vor allem sie auch anzunehmen. Da ist der Arbeitssüchtige nicht weit vom Alkoholsüchtigen, der ja auch konsequent die eigene Sucht und Suchtgefährdung verleugnet, weil er es auch nicht mehr wahrnehmen kann. Von großer Bedeutung sind da Angehörige, der Partner/die Partnerin, die mit sehr klaren und unübersehbaren Zeichen dem Arbeitskranken entsprechende Stopps vor die Füße legen.

derStandard.at: Gibt es bestimmte Rituale, die helfen aus der Stressspirale heraus zu kommen?

Wögerbauer: Ich denke Rituale sind eher notwendig, um erst gar nicht in die Stress-Spirale rein zu kommen. Ich spreche da gerne von den “5 R”, mit denen es sinnvoll ist, sich auseinander zu setzen im Sinne einer bewussten Lebensgestaltung und Stress-Prävention:

  • Rhythmus – was sind meine Rhythmen, die mir gut tun? (Schlaf, Ernährung, Bewegung, Freizeit)
  • Rituale – welche Rituale geben mir Halt, um den täglichen Herausforderungen gewachsen zu sein und nicht in die Überforderung zu kippen?
  • Reduktion – was kann ich reduzieren, wo will ich focusieren, um Erschöpfung zu vermeiden?
  • Regeneration – Aus dem Sport ist ja hinlänglich bekannt, dass ohne Regeneration keine Spitzenleistungen erzielbar sind.
  • Reflexion – Wann gibt es bei mir Zeiten, mein Tun und Nichttun, meine Prioritäten zu reflektieren, in Frage zu stellen oder neu zu definieren?

derStandard.at: Wie baut man sich Ressourcen auf beziehungsweise wie erhält man sie?

Wögerbauer: Die Species Homo sapiens ist nicht auf Einzelkämpfer-Dasein gestaltet, sondern mit der Grundfähigkeit und Sehnsucht, Beziehungen zu leben und zu gestalten. Gelebte, lebendige Beziehungen sind ressourcenförderlich. In Beziehung werden wir geboren, in Beziehungen werden wir verletzt, und in Beziehungen können wir auch wieder heilen. Beziehung ermöglicht Wertschätzung, Entwicklung, Lernen, Nähe, Motivation und sicher auch Leistungsfähigkeit.

derStandard.at: Sie verwenden lieber den Begriff “Gesundheitsentwicklung” als “Work-Life-Balance”. Warum?

Wögerbauer: Ich habe nichts gegen englische Begriffe. Lieber wär mir schon “Life – Work-Balance” noch lieber ” Life-Balance”. Warum ich persönlich den Begriff Gesundheitsentwicklung vorziehe ist mein Menschenbild, dass wir von Geburt an in einem ständigen Entwicklungsprozess sind. Und wenn ich von Gesundheitsentwicklung spreche, dann meine ich nicht nur das individuelle Gesundsein, sondern das strukturelle Gesundsein in meinem Hineingeborensein in eine Gesellschaft im Sinne von : Gesundsein ist nicht die Abwesenheit von Problemen, sondern der Mut und die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. (Marietta Türk, derStandard.at, 21.3.2012)

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“Der Mensch ist ein Dreibeiner”
Der Körper lüge nie, warum erklärte der Mediziner und Psychotherapeut Georg Wögerbauer beim STANDARD Mentoring Circle und thematisierte Burnout auch als Chance

“Der Körper ist die wichtigste Ressource und ganz wichtig: er lügt nie.” Eine ungewöhnliche Botschaft im Rahmen einer Veranstaltung, bei der sich Führungskräfte zum gegenseitigen Austausch über aktuelle management- und führungsrelevante Themen treffen. Dennoch schien jeder in einer Weise angesprochen, das war an der Konzentration des Publikums deutlich zu spüren. Zum Thema Gesund Sein im Spannungsfeld von Beruf und Familie referierte Georg Wögerbauer, Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie, Experte für Burnout-Prävention und Autor mehrerer Bücher. Gemeinsam mit Microsoft Österreich lud ACM (academic mentoring) zur ersten Zusatzveranstaltung von DER STANDARD Mentoring Circle in dieser Saison, mit derStandard.at/Karriere als Medienpartner.

Wenn das “Ich” keinen Platz hat

“Die Menschen, die zu mir kommen, sind chronisch erschöpft, sie sind wie Hamster im Laufrad”, schilderte Wögerbauer, der weiß von wem er spricht, denn er gibt auch Seminare für Führungskräfte. Herausforderungen seien zwar nichts Krankes, nur wenn man aus einer Krise nicht mehr heraus kommt, werde es krank. Der Grund der Erschöpfung: viele hetzen hin und her zwischen ihrer Performance im Job und hohen Ansprüchen im sozialen Leben – ein Dilemma. Doch damit nicht genug. “Aus dem Dilemma wird ganz schnell ein Trilemma – bei dem Versuch auch noch dem “Ich” Platz zu geben”, weiß der Mediziner. Er erklärte den Menschen zum “Dreibeiner”, der auf den drei Kompetenzen “Ich”, soziale und berufliche Kompetenz steht. Was passiert, wenn man plötzlich nur noch auf einem Bein steht und dabei auch noch den Ankerblick verliert, sprich die Augen schließt, machte im Rahmen einer Körperübung gut genug deutlich, wie leicht wir den Halt verlieren können. Und dass wir auch auf zwei Beinen ganz leicht umfallen können, wenn wir gestoßen werden, machte umso nachdenklicher.

Wögerbauer schilderte das Beispiel eines erfolgreichen Top-Einkäufers einer großen Konzerngruppe – geplagt von Schlafstörungen, Unkonzentriertheit und Übergewicht. “Zwischen Berufsstress und familiären Problemen hat er auf sein “Ich” vergessen und das mit Essen kompensiert”, so der Mediziner. Ein sehr beliebtes anderes Kompensationsmittel unter Managern sei erfahrungsgemäß auch Alkohol als Tranquillizer – ein nicht zu unterschätzendes Tabuthema. Genau so schwierig werde es, wenn sich jemand nur über den Beruf definiere, wie etwa eine Frau um die 40, der eine langfristige Beziehung im Leben fehlte. “Aber wo bei ihr landen, wenn ein Landeplatz fehlt?”, so Wögerbauer.

Auswirkungen auf die Gesundheit

Der andauernde negative Di-Stress des Gehetzt-Seins bewirkt im Körper einen andauernden Cortisolüberschuss. Die Folgen für die Gesundheit: erhöhte Fettspeicherung, erhöhte Anfälligkeit für Infekte, vorzeitige Alterung der Hirnzellen, Reizbarkeit, Nicht-Abschalten-Können, Durchschlafstörungen und Angst-Panik-Attacken. Die Folgen für Unternehmen: Durch die Abnahme der positiven Endorphine nehmen Schmerzsyndrome zu und gleichzeitig die Krankenstandstage. Das Ansteigen von Krankenstandstagen kann durchaus ein Warnsignal für Burnout sein.

In Phase zwei sackt das Cortisol ab, Autoimmunerkrankungen wie Allergien entstehen, Stress gilt auch als Trigger für Karzinome, es kommt zu neuen Erkrankungen. Depressionen, Angst- und Erschöpfungssyndrome, Burnout, Suchterkrankungen prägen sich aus.

Sinn darf nicht abhanden kommen

Wie aber sichert man sich den nötigen Halt? “Ganz wichtig ist das Wissen, wofür mein Herz klopft, sprich, wofür ich lebe”, erläuterte der Experte eine wichtige Zutat dafür. Beim Erstgespräch mit Managern in seiner Praxis erlebe er oft, dass sie keinen besten Freund mehr haben, Sexualität fehlt, weil Freiräume für Zweisamkeit abhanden gekommen sind, oder, dass sich Menschen, die alles haben – Erfolg, Geld, Familie, Selbstbewusstsein – über nichts mehr freuen können. “Der Sinn im Leben ist ihnen abhanden gekommen”, so Wögerbauer – mit Konsequenzen, die schnell in psychischen Erkrankungen wie Burnout münden können. Denn nur, wenn man wisse wofür man lebt, könne man “brennen statt verbrennen”.

Umgelegt auf den Alltag mag dieser gut klingende Rat etwas spirituell wirken, erscheint aber bei genauerem Hinschauen simpel und gar nicht so abgehoben: “Mit Dankbarkeit, nicht mit Sorgen, jeden Morgen aufstehen, neugierig sein und die Lebenszeit als Geschenk sehen, jedem Tag Wertschätzung entgegen bringen.” Das Motto: “Dieser Tag ist der erste vom Rest meines Lebens”. Acht Stunden Schlaf sind Laut Wögerbauer übrigens durchaus angebracht bei einem anspruchsvollen Job und auch das Nein-Sagen-Können ist ein wesentlicher Schritt.

Von Burnout zu “reborn”

Wögerbauer erklärte Burnout auch zur Chance für ein geändertes Leben. “Genauso wie bei der Geburt gibt es auch bei Burnout den Point of No Return. Wir dürfen dort nur nicht stecken bleiben”, so der Experte. “Krisen sind nur dann gefährlich, wenn ich aus dem Trichter nicht mehr heraus komme.” Wichtig ist, dass man in der Situation von etwas oder jemandem aufgefangen wird, dann kann gestärkt daraus hervor gehen.” Auffangen könne ein starkes “Ich”, ein Lebenspartner oder durchaus auch der Beruf. Vorrausetzung dafür ist aber, dass man sich mit sich selber auseinander setzt, die Ich-Kompetenzen stärkt. Wie man das anstellt? “Lachen – das stärkt das Immunsystem, Genießen, sich beim Essen etwas Gutes tun, denn Genießer werden seltener krank.” Klingt einfach, ist es aber nicht – jedenfalls aber eine Erinnerung wert, wenn man sich das nächste Mal wie der Hamster im Laufrad fühlt. (Marietta Türk, derStandard.at, 26.2.2009)

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“Lass mich endlich in Ruhe”

Über neue Erkrankungen – und was diese mit Beziehung zu tun haben

Ein Artikel über Imago Paartherapie; Erschienen im “Imago Spiegel – Ausgabe 10 Herbst/Winter 2009″