aktuelle Leseprobe

 

Kennen Sie Ihre Eu-Stress-Auslöser?

von Georg Wögerbauer

Über negativen, krankmachenden Stress haben wir schon viel gehört. Ich habe versucht, diesen Distress mit Rilkes Gedicht »Der Panther« und mit dem Bild vom »Hamster im Laufrad« zu definieren. Was aber ist nun Eu-Stress? Eu-Stress – aus dem Griechischen – meint »gut«, wie guter Stress. Auslöser für positiven Stress können sehr unterschiedlich sein. Jedenfalls wird dieser Stress als ein Zustand »aufgeregter, erregter positiver Anspannung und Zufriedenheit« erklärt. Sportliche Betätigung, eine Bergtour, ein schöner Lauf, tanzen, ein genussvolles Essen, schöner Sex ohne Leistungsdruck, Vorfreude auf den Urlaub, ein großes Fest – das alles sind Eu-Stress-Auslöser. Sie werden fragen, was hat denn das mit Stress zu tun? Es sind exakt diese »positiven Anspannungen«, die vielen Menschen heute verloren gegangen sind. Menschen sind vielfach damit überfordert, ihre Freizeit genussvoll und zufriedenstellend zu gestalten. Ich denke an eine junge Managerin, die mich völlig verzweifelt angerufen hat. Sie sei völlig überarbeitet, erschöpft, depressiv, könne nicht mehr schlafen und »wisse nicht mehr ein noch aus«. Die junge Frau hatte in den letzten acht Monaten durchschnittlich 65 Stunden pro Woche gearbeitet und auf meine Verordnung von 10 Tagen Krankenstand hat sie angstvoll, panisch reagiert: »Wenn ich nicht mehr arbeiten darf, dann schaffe ich es schon gar nicht! Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf, da geht es mir noch schlechter.«

Die Frau hat ihre Eu-Stress-Auslöser allesamt verloren, vergessen. Ihre Lebensmelodie ist eintönig, monoton geworden – sie klopft immer dieselbe Taste: jene mit dem Namen »Arbeit« (siehe Seite 194).

Derzeit arbeite ich mit dieser jungen Managerin an einem Modell, das ihr ein halbes Jahr »Sabbat« ermöglicht, um wieder verstärkt sich selbst, ihre Sehnsüchte, ihren Körper spüren und entwickeln zu können.

Mittlerweile profitieren ganze Industriezweige davon, dass sie die Langeweile der Massen strukturieren: Medienbosse, Tourismusmanager, Ferienanimateure, Shopping-Center. Sie alle profitieren davon, dass viele Menschen mit ihrer Freizeit nichts mehr anzufangen wissen. Was ist da naheliegender, als den Menschen Bedürfnisse zu suggerieren!

Es hat nichts mit Hedonismus1 zu tun, wenn ich immer wieder den Genuss und die Bedürfnisebene anspreche.

Wir wissen alle sehr genau, welche Art von Stress uns krank macht, aber vielfach ist uns das Wissen um unsere »Eu-Stress-Auslöser« verlorengegangen.

Spaziergänge, laufen, ein aufregendes Buch lesen, eine lange Schitour oder einfach ein ganz gutes Essen – all das kann uns aus Alltagssituationen herausholen und wieder stärken.

In der »sun-set«-Taverne zu sitzen, mit Blick auf den Como Beach (Strand in Kreta), genussvoll guten Wein zu trinken, dazu eine Handvoll Oliven und eingelegte Paradeiser zu naschen – das ist für mich Eu-Stress – und ich bin aufgeregt – angespannt und zugleich sehr zufrieden.

Mein Lebensraum ist aber nicht Griechenland, hier bin ich ja von meiner Alltagssituation weit entfernt. Echte Lebenskunst ist, wenn es mir gelingt, Eu-Stress in meinen Berufsalltag zu integrieren, das Leben so zu gestalten, dass es da immer wieder kleine »griechische Inseln« gibt, um Kraft zu tanken, noch Energien zu haben für neue und gute Herausforderungen.

In meinem Hof gibt’s einen bestimmten Platz, wo die Sonne am längsten hinscheint. Wir haben die Wand dort weiß gestrichen, eine blaue Bank hingestellt, nennen diese Ecke »Mykonos« und genießen dort auch während der Woche guten griechischen Kaffee – »metrio« (halbsüß).

»Genusskultur leben« heißt nicht »sich ständig jedes Bedürfnis zu erfüllen«, sondern eine Lebenskunst entwickeln lernen, die mich den Augenblick bewusst genießen/leben lässt, mit einer hohen Fähigkeit, Ressourcen zu sehen – auch ressourcenorientiert zu leben – sensibel und wertfrei wahrzunehmen – einfach gut leben!

aus:

einfach gut leben

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.