aktuelle Leseprobe

 

Der Lauf ums Leben!

Bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen

von Georg Wögerbauer

Ich bin nach Kreta gefahren, um ein Buch über bewusste Lebensgestaltung zu schreiben. Die Erlebnisse und die Begegnungen hier sind sehr vielfältig!

Der Hahn in unmittelbarer Nachbarschaft hat mich zeitig geweckt. Es dämmert, und ich beschließe, zum Strand zu wandern. Ein Hund begleitet mich dabei, Kaninchen sitzen verschlafen am Wegrand. »Kalimera!«, ein Schafhirte winkt mir. Die ersten Sonnenstrahlen berühren die großen Berge Kretas.

Eiskalt ist der Sand um 7 Uhr früh, und ich spaziere verträumt und dankbar gestimmt für diesen Morgen den »Como Beach« entlang.

Bei einem hier streng geschützten Meeresschildkröten-Nest entdecke ich die Spur einer eben geschlüpften Schildkröte und verfolge die zarte Spur durch den Sand. Auf diesem Weg vom Nest zum Meer hin orientiert sich die Schildkröte an den Lichtreflexen von Mond und Sternen im Meer und findet so ihren Weg ins Wasser. Meine kleine Schildkröte war – aus welchen Gründen auch immer – ziemlich verwirrt, sie hat viele Umwege gemacht, und ich hatte Mühe, ihren komplizierten Weg zu verfolgen. Sinnlose Schleifen, Spiralen, dann wieder weg vom Meer, als hätte sie ungebremste Ressourcen. So ist die kleine Schildkröte heute Nacht umhergeirrt.

Plötzlich reißt die schöne Krabbelspur ab. Und dann entdecke ich sie. In einer Grube liegt sie am Rücken, kraftlos, tot, denke ich zuerst, doch dann – nach längerem Beobachten – sehe ich kleine Bewegungen an ihren Flossen. Nach der Bergung aus der Grube bahne ich ihr einen Weg in Richtung Meer, doch die Schildkröte ist zu erschöpft ihren Weg fortzusetzen.

Andere Leute kommen hinzu, und mit Geduld beobachten mittlerweile fünf Erwachsene die kleine Schildkröte, hoffend, dass sie wieder die Kräfte aufbringt, ihre Wanderung fortzusetzen. Fünf Meter trennen sie noch vom Meer. In der nächsten Stunde schafft sie noch zwei Meter, aber dann sind ihre Kräfte erschöpft. Behutsam graben wir sie zirka 20 Zentimeter tief ein. In der nächsten Nacht wird sie einen neuen Versuch starten, um das rettende Meer zu erreichen.

Rettend? Eine von tausend geschlüpften Schildkröten findet als erwachsene Meeresschildkröte wieder zu ihrem Geburtsstrand zurück. Die Meeresschildkröte muss, um ihre Eier abzulegen, zu ihrem Geburtsstrand zurückkehren. Nur so ist die Fortpflanzung dieser Tiere – eine der ältesten Tiergattungen auf der Erde – gesichert. Eine große Auslese! Bis heute hat die Meeresschildkröte aber überlebt.

Bewusster Umgang mit den eigenen Ressourcen ist das Thema eines Seminars, das ich regelmäßig mit Führungskräften abhalte. Unsere Körper sind fantastisch konzipiert, und es bedarf schon einer beeindruckend konsequenten Strategie, die körperlichen und psychischen Ressourcen zur Erschöpfung zu bringen.

Schlaf ist eine der besten und effizientesten Möglichkeiten, dem Körper wieder zu Kräften zu verhelfen. So wie chronisches Schlafdefizit längerfristig unser Immunsystem schwächt, dauerhafter Schlafentzug uns bis in die Psychose treiben kann, so können wir durch ausreichend Schlaf – im Durchschnitt 8 bis 9 Stunden, bei Krankheit und Erschöpfungszuständen bis zu 12 Stunden – unseren Körper wieder regenerieren, unser Nervenkorsett wieder stärken.

Im Unterschied zur Meeresschildkröte haben ja wir Menschen über das Instinktverhalten hinaus einen freien Willen – wenn wir

1 Psychose: schwere seelische Erkrankung, häufig mit Realitätsverlust verbunden ihn auch wirklich haben. »Formulieren Sie für sich drei klare Ich-Will-Sätze« ist eine Aufgabenstellung, die ich in Seminaren gerne gebe. Nicht »ich hätte gerne«, »es wäre schön, wenn…«, sondern drei klare

»Ich will!«

Und aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das »Ich will« in manchen Situationen zu formulieren ist. Aber erst, wenn ich das klar formulieren kann, bin ich in der Lage, wirklich bewusst mit meinen Ressourcen umzugehen. Das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern mit jener Ich-Stärke, die mich erst fähig macht, das Du zu erkennen, Beziehung zu leben, bewusst meine Kräfte auch für andere einzusetzen.

Die Meeresschildkröte hat auf ihrem zirka 20 Meter langen Weg durch den Sand viele Gefahren zu überstehen. Kaum geschlüpft, lauern hungrige Möwen am Strand, Plastiksäcke werden von der kleinen Schildkröte mit ihrem Lieblingsfutter – Quallen

– verwechselt, und wenn sie das Meer erreicht hat, warten hungrige Fische auf sie.

Ich hoffe für die kleine Meeresschildkröte, dass sie jetzt, am Strand friedlich schlafend, ihre Kräfte wieder sammeln kann, um morgen ihren Entdeckungsweg fortzusetzen.

 

aus:

einfach gut leben

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.