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Körpersignale und Stress

von Georg Wögerbauer

ine zirka vierzigjährige Frau – ich gebe ihr den Namen Birgit – betritt zaghaft meine Ordination. Kleine, unsichere Schritte, Blick zum Boden, schwacher, leicht feuchter Händedruck. Bescheiden setzt sie sich auf die vorderste Sesselkante, sie schafft keinen Blickkontakt mit mir. »Herr Doktor, mein Mann schickt mich, sie sollen mir was für die Nerven geben.«

Bei so viel Depressivität traue ich mich nicht – entgegen meiner Gewohnheit – nach ihren Zufriedenheiten zu fragen, sondern – um irgendwie in Kontakt zu kommen – erkundige ich mich nach ihrem Beruf.

»Beruf habe ich keinen«, antwortet Birgit spontan. Und als ich dann nachfrage, ob die Kinder, die ich als Schularzt betreue, nicht ihre sind, bestätigt sie, dass sie vier Kinder im Alter von 6, 8, 12 und 16 Jahren hat. Auf meine bewusst naiv gestellte Frage, wer denn die Kinder und den Haushalt versorge, antwortet sie leicht verwirrt: »Natürlich ich.« Also darf ich doch bei Beruf in meinen Aufzeichnungen notieren: Hausfrau und Mutter. »Wenn’s Ihnen hilft«, war die leicht spröde Reaktion dieser Frau, war sie doch geschickt worden, Tabletten für ihre Nerven, d.h. gegen ihre Depressionen zu erhalten.

Auf meine Frage, was denn der Mann von Beruf mache, antwortet sie, dieser sei im Nebenerwerb. D.h., dass er seine Landwirtschaft entweder verpachtet hat oder neben der Landwirtschaft einer Anstellung nachgeht. Für vier Kinder war der Ertrag aus der Landwirtschaft zu gering. Deshalb nahm der Mann eine Anstellung in Wien an. Jeden Montag um vier Uhr früh fuhr er nach Wien und kam freitags um 17Uhr wieder ins Waldviertel nach Hause. Also korrigierte ich in meinen Aufzeichnungen: Hausfrau und alleinerziehende Mutter.

Meine nächste Frage galt der Arbeit in der Landwirtschaft, ob sie ohnehin alles verpachtet habe oder auch hier belastet sei. »Für den Eigenbedarf«, sagte sie, »haben wir Schweine, zwei Kühe – weil wir die Milchkontingente nicht ganz aufgeben wollen – und Hühner und Kaninchen.« Wer denn die Tiere versorge, woher das Futter komme, wer die tägliche Melkarbeit verrichte, ausmiste, usw. waren meine nächsten erstaunten Fragen, und ebenso erstaunt kam ihre Antwort: »Natürlich ich, wer denn sonst!« Das heißt, die Felder waren nur halb verpachtet, Ernte, Feldarbeit, Futterbeschaffung und die tägliche Arbeit blieben der Frau, und am Wochenende wurde die Arbeit mit Unterstützung des Mannes geleistet. Meine dritte Korrektur im Anamnese-bogen in der Spalte Beruf: Hausfrau, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, Landwirtin.

Langsam wurde der Patientin durch mein konsequentes Nachfragen deutlich, was ihr bisher – weil selbstverständlich – nicht bewusst war.

Als ich sie dann fragte, ob denn noch andere Menschen bei ihr am Hof wohnen, brach sie in Tränen aus und erzählte, dass sie seit 16 Jahren gemeinsam mit den Schwiegereltern den Hof bewohne, beide Schwiegereltern wohl im »Ausnahmstüberl« ihren eigenen Wohnbereich hätten, der Schwiegervater infolge eines Schlaganfalls vor zwei Jahren mit Halbseitenlähmung und Inkontinenz jedoch intensiv pflegebedürftig sei. Mit der Schwiegermutter ist sie zerstritten und spricht nur mehr das Notwendigste mit ihr. Auf meine Frage, welche Hilfswerkschwester den Schwiegervater betreue, schüttelte sie nur mehr den Kopf. Er lasse sich nur von ihr pflegen und darüber hinaus nehme die Schwiegermutter jedes Mittagessen bei ihr und den Kindern ein. Meine vierte Korrektur: Hausfrau, alleinerziehende Mutter von vier Kindern, Landwirtin, Intensivpflegeschwester.

Diese Frau kam auf einen durchschnittlichen Arbeitstag von 14 Stunden – siebenmal die Woche, entspricht einer Wochenarbeitszeit von ungefähr 100 Stunden – ohne finanzielle Entlohnung.

»Sie sollen mir etwas geben für die Nerven«, klingt noch immer in meinen Ohren.

Durch mein zugegeben drängendes Nachfragen konnte ich der Frau beweisen, dass sie nicht »keinen Beruf« hat, sondern in einer vierfachen beruflichen Dauerbelastung ohne adäquate Entschädigung lebe, weit mehr leistend als all die Topmanager mit ihren vergleichsweise »lächerlichen« 75 Stunden pro Woche, wie ich sie auch in meinen Stressmanagement-Kursen betreue.

Die beste Definition von Distress, die ich jemals gelesen habe, stammt von Rainer Maria Rilke, geschrieben um die Jahrhundertwende in seinem Gedicht »Der Panther«

Im Jardin des Plantes, Paris:

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

Stellen Sie sich einen kraftstrotzenden Panther vor, ein dynamisches, kräftiges Tier, mit 80 km/h jagt er seine Beute. Dieser Panther ist nun in einem kreisrunden, fünf Meter durchmessenden Käfig für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Es ist die Aussichtslosigkeit, in der der Panther gefangen ist – er kann mit all seiner Kraft, mit allen Ressourcen, mit seiner ganzen Intelligenz und mit all den Qualitäten, die er als Panther hat, nicht mehr raus aus seinem Gefängnis. Verhaltensauffällig geht er im Kreis um eine Mitte, in der gebannt ein gebrochener Wille steht – der Wille nach Freiheit, nach Entwicklung, nach Leben. Nur manchmal dringt ein Bild hinein und hört im Herzen auf zu sein.

Nichts auch noch so Schönes kann sein Auge mehr zum Leuchten bringen, eigentlich hat er abgeschlossen und funktioniert freudlos als Panther im Käfig. Er hat viel vom eigentlichen Panther verloren.

Ganz ähnlich verhält es sich mit jener Frau, die ich zuvor vorgestellt habe. Erschöpft, ständig müde, Kältegefühl, ohne Spannung, Schlafstörungen, sexuelle Lustlosigkeit, zunehmende depressive Einengung, erhöhte Reizbarkeit gegenüber ihren Kindern, letztlich das Gefühl, in ihrem Leben ohnehin alles falsch gemacht zu haben! Das waren ihre Beschwerdebilder, die sie mir im Erstgespräch anvertraute.

Distress – und das heißt krankmachender Stress – ist dann gegeben, wenn ich mich dauerhaft in einer Lebenssituation tiefer Unzufriedenheit befinde, die ich trotz aller meiner Kompetenz und all meiner erlernten Strategien nicht verändern kann.

Burn out mit Erschöpfungsdepression war in diesem Fall meine Diagnose. Das Verdeutlichen der Mehrfachbelastung dieser Frau war mein erster therapeutischer Impuls! Mit ihrer Entscheidung, Hilfe zu holen, hat ihr Heilungsweg begonnen. Wenn sie auch anfangs nur symptomatische Hilfe gefordert hat – am liebsten Tranquilizer1, damit sie wieder funktionieren kann – so war dieser Frau doch bald klar, dass eine wirkliche Heilung nur durch eine bewusste Neugestaltung ihrer Lebenssituation gelingen kann. Kein leichtes Vorhaben bei den strukturellen Rahmenbedingungen, die diese Frau hatte.

Ist es da nicht zynisch, frage ich mich, in Griechenland ein Buch über einfach gut leben zu schreiben, angesichts so aussichtsloser Lebenssituationen wie der eben geschilderten? Ich meine nein

– und ich habe in der Arbeit mit dieser Frau erlebt, dass Entwicklung möglich ist. Die Hilflosigkeit ist der geeignetste Ausgangspunkt für Entdeckungen, sagte mein Freund und Lehrer Waldefried Pechtl , und in ihrer Hilflosigkeit hat diese Frau erkannt, dass sie eines entschieden verlernt oder noch nicht gelernt hat: die Kompetenz, Nein zu sagen.

Das Nein, das ich endlich sagen will,

ist hundertmal gedacht, still formuliert,

nie ausgesprochen.

Es brennt mir im Magen,

nimmt mir den Atem,

wird zwischen meinen Zähnen zermalmt

und verläßt als freundliches Ja meinen Mund.

Peter Turrini

Genau dieses Ja sagen und Nein meinen, diese Unsicherheit – auch wenn notwendig – zu einem klaren Nein zu stehen, bringt viel Verwirrung in Beziehungen, Unzufriedenheit auf beiden Seiten. Vor allem im Umgang mit Kindern hat diese Unklarheit neurotisierende Wirkung, führt zu Verletzungen, Ungerechtigkeiten, dauerhaft zu Kranksein.

Diese Frau ist von ihrer ganzen Erziehungsgeschichte eine fleißige, immer freundliche – weil es sich so gehört – lächelnde Frau gewesen, und sie hat es nie gelernt, freundlich aber bestimmt dort Nein zu sagen, wo es ihr zuviel wurde.

Wenn ich gelernt habe, zu allen freundlich lächelnd Ja zu sagen, dann sammeln sich bald beruflich wie privat Menschen um mich, die meine Offenheit leidlich auszunutzen wissen.

»Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein!« Ein frecher, aber richtiger Satz! Dieser gilt nicht nur für die Erziehung unserer Kinder, er gilt auch für uns!

Infolge ihrer zunehmenden Belastung wurde diese Frau unfreundlich, weil sie chronisch überfordert war. Diese Unfreundlichkeit löste wiederum bei ihr – die zu Freundlichkeit und Idealismus erzogen wurde – Schuldgefühle aus. Schuldgefühle machen uns entweder aggressiv, das sind die subtilen kleinen Untergriffe, die dann in Richtung Partner oder oft in Richtung Kinder gehen, oder aber wir richten die Aggression gegen uns selbst. Dann entsteht Depression, die ich zu einem wesentlichen Teil als gegen mich selbst gerichtete Aggression definiere.

Wenn ein depressiver Patient im Laufe der Therapie sich einmal erlaubt, Aggressionen zu zeigen, dann ist das als Entwicklungsschritt aus der depressiven Grundhaltung heraus zu deuten.

Der nächste Schritt in ihrer Burn out-Entwicklung war dann logischerweise eine vermehrte Anstrengung. Obwohl sie wusste, dass zusätzlich zu ihren vier Kindern die Landwirtschaft an Belastung zuviel für sie würde, hat sie sich von den Schwiegereltern und auch von ihrem Mann dazu überreden lassen, was ihr täglich weitere fünf Arbeitsstunden gebracht hat. Der vermehrten Anstrengung folgt die zunehmende Erfolglosigkeit. Sie bekam Probleme mit den Kindern, die schulischen Leistungen sanken, sie hatte keine Nerven mehr mit den Kindern zu lernen, dem pubertierenden Sohn fehlte der Vater besonders. Die Frau war die ganze Woche in ihrer Erziehungskompetenz alleine gelassen und bekam »Ratschläge« von ihrer Schwiegermutter.

Zunehmend wurde sie hilflos, ihre Situation immer hoffnungsloser. Der Mann kam nach fünf Tagen Arbeit aus Wien nach Hause, wurde vom Chaos und einer alles andere als lustvoll gestimmten Frau empfangen. Erwartungen von beiden Seiten an schöne Begegnungen waren groß, aber zu erschöpft waren beide, und es kam immer häufiger zu Streitereien als zu stärkenden Begegnungen in einer lebendigen Partnerschaft.

Die Frau wurde immer verzweifelter, mit sich selbst unzufriedener, zu den Kindern immer häufiger ungerecht und verletzend, und zunehmende Schlafstörungen machten ihr Nervenkorsett noch dünner. Dazu kamen vermehrt grippale Infekte, gehäufte Einnahme von Antibiotika und fiebersenkenden Mitteln. Letztlich war sie vollkommen erschöpft, kam den »alltäglichen Arbeiten« nicht mehr nach (was auch immer sie unter »alltäglich« verstand), und nun war die 10. Stufe im Burn out-Schema erreicht. »Ich habe alles falsch gemacht, bin nicht mehr leistungsfähig, kann meine Kinder nicht mehr versorgen, bin meinem Mann keine gute Frau, ich kann und will nicht mehr leben.«

Schritte der Burn out-Entwicklung

Freundlichkeit und Idealismus

Überforderung

Geringer werdende Freundlichkeiten

Schuldgefühle darüber (Depression oder Aggression)

Vermehrte Anstrengung

Erfolglosigkeit

Hilflosigkeit

Hoffnungslosigkeit (ein Fass ohne Boden)

Erschöpfung, Abneigung gegen Klienten, Apathie1, Aufbäumen, Wut

Burn out: Selbstbeschuldigung, Flucht, Zynismus, Sarkasmus, psychosomatische Reaktionen, Fehlzeiten, große Geldausgaben, Unfälle, Dienst nach Vorschrift, Selbstmord, Liebschaften, Scheidung, raptusartige Kündigung, sozialer Abstieg, Aus-dem-Tritt-kommen…

In dieser letzten Phase kam die Patientin zu mir in die Ordination.

Diese Entwicklung von Burn out ist kein Waldviertler Phänomen. Sie lässt sich eins zu eins auf Lebenssituationen in der Großstadt, aber auch auf den Management-Bereich umlegen. Burn out-Entwicklung und das Distress-Phänomen sind längst nicht mehr das »Privileg« einer gehobenen Bildungs- und Einkommensgruppe wie Manager, Ärzte, Rechtsanwälte, etc. Dieses eben beschriebene Burn out-Phänomen ist in den reichen, hoch entwickelten Ländern Mitteleuropas und Nordamerikas zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, zu einem, wie ich meine, neuen Krankheitsbild des 20. Jahrhunderts geworden. Die Schulmedizin allein ist mit der Behandlung solch komplexer Krankheitsbilder überfordert, genau wie auch die Psychotherapie.

Anhand des Heilungsweges dieser Frau will ich Impulse aufzeigen, wie es möglich ist, aus diesem Panther-Stress wieder herauszukommen.

Obwohl ich einen direktiven Ansatz als Arzt weitgehend zu vermeiden versuche, gibt es Situationen, in denen es Menschen – wie eben dieser Frau – so schlecht geht, dass sie für eine bestimmte Zeit Führung und Hilfe benötigen. Anhand eines Mindmaps will ich das therapeutische Konzept, wie in der Krankengeschichte dieser Frau notiert, wiedergeben.

Noch beim Erstgespräch habe ich von der Ordination aus eine Hilfsschwester zu den Schwiegereltern geschickt und mit der nachfolgenden Visite ärztlich bestätigt, dass die junge Frau aus gesundheitlichen Gründen keinesfalls mehr den Pflegedienst für den Schwiegervater leisten dürfe. Darüber hinaus führten wir ein heftiges Gespräch mit der Schwiegermutter, die ihrerseits ebenfalls depressiv und infolge der Sprachlosigkeit innerhalb der Familie sehr unglücklich war.

Ich musste also systemisch intervenieren1. Bezüglich der schulischen Leistungen der Kinder war ein Gespräch mit den Lehrern notwendig, Hilfestellung durch Beratungslehrer2 zu organisieren. Durch Einzelarbeit mit den Kindern, die von den jeweiligen Lehrern bereits als verhaltensauffällig beschrieben wurden, konnte die schulische Krise überwunden und somit die Mutter entlastet werden. Wegen ihrer chronischen Kreuzschmerzen verordnete ich 2 x pro Woche heilgymnastisches Einzelturnen sowie Massage. Am wichtigsten war ihr der 2 x pro Woche vorgeschriebene – in ihrer Familie legitimierte – Arztbesuch, der ihr für eine Stunde ermöglichte, das Haus zu verlassen und für sich etwas Gutes zu tun.

Die regelmäßige psychotherapeutische Begleitung – insgesamt zwei Jahre – fokussierte die Ich-Identität1, die Konfliktfähigkeit und vor allem Ressourcenarbeit.

Für mich als koordinierenden Hausarzt war es notwendig, mit der Psychotherapeutin zusammenzuarbeiten, auszutauschen, und so konnten wir erfolgreich nach 6 Monaten die antidepressive »chemische« Therapie durch schwächere pflanzliche Substanzen ersetzen. Die Patientin lernte in der Folge, aktiv für ihre Gesundung zu sorgen. Es erforderte auch mehrere Gespräche mit dem Mann, bis dieser – gegen den Widerstand der Mutter – den Mut hatte, alle Tiere aus dem Haus zu geben. So kam es in dieser Familie langsam zu neuen Klarheiten, und ich betone nochmals, dass dieser Prozess insgesamt drei Jahre gedauert hat und dass solch ein Prozess nicht immer so gut ausgehen muss.

Die Frau hat in einer Tanzgruppe für Frauen mittlerweile Anschluss gefunden, hat dort auch den richtigen Rahmen sich auszutauschen. Langsam konnte ihr Nervenkorsett gestärkt werden, sie begann wieder mehr zu schlafen, hatte wieder mehr Aufmerksamkeit für sich selbst, für ihre Bedürfnisse und konnte, solcherart gefestigt, auch wieder auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen.

Die große Hürde für ihren Mann war wohl, dass er sich entscheiden musste, zu seiner Frau zu stehen und auch für den geschützten Rahmen der Kleinfamilie zu sorgen. Das bedeutete, dass er mehrfach seine eigene Mutter in die Schranken weisen musste, was diese – nach anfänglich massivem Widerstand – akzeptierte.

Einmal pro Woche wurden die Großeltern eingeladen, bekamen entsprechend Aufmerksamkeit. Nach einer heilsamen Zeit des Abstandhaltens wird dann vielleicht wieder ein intensiverer Kontakt möglich werden.

Mit dieser Krankheitsgeschichte (ich habe ähnliche in unterschiedlichen Facetten erlebt) ist es mir auch wichtig aufzuzeigen, wie problematisch die noch immer nicht vorhandene Akzeptanz des Berufsbildes Hausfrau, Hausmann und/oder Mutter in unserer Gesellschaft ist, wie dieses gesamtgesellschaftliche und politische Leugnen der Arbeitsleistung von Hausfrau oder Hausmann sich nachteilig auch auf das Selbstbewusstsein der betroffenen Menschen auswirken kann.

Ich will die Geschichte dieser Frau mit einem weiteren Gedicht von Peter Turrini schließen und wünsche uns, dass es gelingt, mit authentischer, selbstbestimmter Freundlichkeit zu leben: mit klaren Jas und klaren Neins.

Wie lange noch werde ich alles hinunterschlucken

und so tun als sei nichts gewesen?

Wie lange noch werde ich auf alle eingehen

und mich selbst mit freundlicher Miene vergessen?

Wie lange müssen sie mich noch schlagen,

bis dieses lächerliche Grinsen aus meinem Gesicht fällt?

Wie lange noch müssen sie mir ins Gesicht spucken,

bis ich mein wahres zeige?

Wie lange kann ein Mensch sich selbst nicht lieben?

Es ist schwer die Wahrheit zu sagen,

wenn man gelernt hat,

mit der Freundlichkeit zu überleben.

Peter Turrini

 

aus:

einfach gut leben

Einfach gut leben

von Hans und Georg Wögerbauer

Nur mehr als Taschenbuch erhältlich; ISBN 3-9500657-1-7

Bücher erhältlich im Handel oder bestellbar über die Ordination per Email oder telefonisch.