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Frau F. und ihre Karoline

von Hans Wögerbauer

Das Erlebnis ist schon sehr lange her. Dennoch ist es mir so im Gedächtnis, als wäre es gestern gewesen, und rührt mich heute noch mehr als damals. Vielleicht deshalb, weil ich nach 25 Jahren integrierender Medizin Zusammenhänge besser wahrnehmen kann, vielleicht aber auch deshalb, weil die Ehrfurcht vor dem Leben und vor der Wandlungs- und Entwicklungsmöglichkeit von uns Menschen immer größer wird. Oft durfte ich Zeuge eines Wunders sein – Wunder, wie man sie oft in Märchenbüchern liest. Das Leben ist aber kein Märchenbuch und dennoch voller Wunder! Ich lade Sie ein, eines dieser Wunder mit mir gemeinsam zu erleben.

Es war an einem Samstagabend, als ich in die gynäkologische Abteilung gerufen wurde. Ich war schon müde, obwohl ich noch einen langen Dienst vor mir hatte. Es war dies zu einer Zeit, als Ärzte nicht selten am Freitag in der Früh den Dienst antraten und erst am Montag am späten Nachmittag das Krankenhaus verließen. In diesem speziellen Fall war das aber gut so.

Die werdende Mutter, eine 19-jährige junge Frau, lag nicht wie üblich auf der Station, sondern schon im Entbindungsvorraum, weil die Geburt schon weit fortgeschritten war. Eine blasse, 19-jährige junge Frau saß am Bettrand, dünnes, blondes, schulterlanges, strähniges Haar, dunkle Ringe unter den Augen. Sie trug einen alten, hellblauen Jogginganzug und blickte kaum auf, als ich das Zimmer betrat. Ich begrüßte sie, stellte mich vor und fragte, wie es ihr ginge. Es kam keine Antwort. Ein teilnahmsloser Blick – ich konnte nicht einmal sagen, dass sie traurig wirkte, einfach teilnahmslos. Ich fragte sie, wie oft die Wehen kämen. Sie wisse es nicht, war die Antwort. So nahm ich ihre Daten auf, untersuchte sie, notierte den Status quo und hätte eigentlich gehen können, weil ein Gespräch nicht möglich war. Aber irgendetwas ließ mich innehalten. Im ersten Moment der Begrüßung dachte ich, diese Frau sei geistig behindert, was aber gar nicht stimmte. Sie hatte eine gute Schulbildung, einen Hauptschulabschluss, eine abgeschlossene Lehre, arbeitete als Verkäuferin und war geistig sehr rege, wie sich später herausstellte.

So saß ich ihr vis-à-vis, sie am Bettrand, ich am Sessel. Ich fragte sie, ob sie Angst hätte. »Nein, es wird schon irgendwie kommen«, antwortete sie. Ob sie denn einen Geburtsvorbereitungskurs besucht hätte, versuchte ich ins Gespräch zu kommen. »Ja, anfangs war ich ein paar Stunden dabei, aber vom Dienstgeber her war es so schwierig sich freizunehmen, so habe ich es dann bleiben lassen«, sagte sie.

»Wären Sie noch gerne in diese Gruppe weitergegangen?«, fragte ich. Sie hob wortlos die Schultern hoch und nahm das erste Mal bewusst Blickkontakt zu mir auf. Jetzt sah ich große, traurige und einsame Augen. Ob sie sich denn auf ihr Baby freue, war meine weitere Frage. Sie sah mich an, stemmte sich am Bettrand mit den Armen auf, den Oberkörper nach vorne gebeugt, die Beine unter dem Bett baumelnd. Sie blickte auf den Boden und sagte auf einmal: »Ich glaub, ich werde es zur Adoption freigeben.« »Haben Sie mit Ihren Eltern darüber gesprochen?« Der Blick blieb auf den Boden gerichtet: »Eltern – was ist das? Den Vater kenn ich nicht und die Mutter ist sauer auf mich, weil ich das Kind nicht abgetrieben habe. Ich habe sie seit Monaten nicht gesehen.« Der Vater des Kindes – ihr Freund – hatte sich von ihr getrennt, als er von der Schwangerschaft erfahren hatte.

»Sie sind ganz allein – stimmt’s?«, äußerte ich meine Vermutung. »Ja, was soll ich denn tun?«, war ihre Frage an mich. Unser Gespräch wurde unterbrochen, weil ich auf die Abteilung gerufen wurde. Im Hinausgehen sagte ich: »Jetzt bekommen Sie einmal Ihr Kind, wenn Sie aber etwas brauchen, können Sie mich jederzeit rufen lassen.«

An diesem Abend war viel zu tun. Knapp vor Mitternacht wurde ich in den Kreißsaal zur Entbindung gerufen. Frau F., so hieß die junge Frau, fragte mich: »Kann das noch schlimmer werden, Herr Doktor?« Ich konnte nicht antworten, weil die Hebamme schneller war: »Wenn’s ordentlich mittun, dann haben wir’s gleich.«

Ich stellte mich zu Frau F. und sagte ihr, sie solle meine Hand fest drücken, wenn die Wehe kommt, und genau das tun, was die Hebamme sagt. Ich sagte ihr noch, dass die Hebamme sehr erfahren sei und sie sich voll auf sie verlassen könne. Frau F. nahm dankbar meine Hand und presste tapfer und bald war das Baby geboren.

Bevor ich etwas mitbekommen konnte, wurde die Hebamme hektisch. »Schnell, holt’s den Oberarzt«, presste sie zwischen den Lippen heraus. Jetzt erst sah ich, dass das Kind eine schwere Missbildung – eine ausgeprägte Lippen-Kiefer-Gaumenspalte– hatte, blau wurde und nicht atmete.

Frau F. lag erschöpft im Bett und fragte nichts. Ich ging mit der Hebamme zum Wickeltisch, sie saugte das Kind ab und es fing verspätet, aber Gott sei Dank, zu atmen und zu schreien an. Bevor der Oberarzt noch eintraf, brachte die Hebamme Frau F. ihr Kind mit den Worten: »Das ist Ihr Kind, erschrecken Sie nicht, es hat eine Missbildung, die man aber heute recht gut operieren kann«, und legte ihr das Baby auf den Bauch. Und jetzt geschah etwas, was ich heute als »heiligen Moment« bezeichnen würde. Große Wandlungen und bedeutsame Ereignisse vollziehen sich oft in Bruchteilen von Sekunden und sind von einem unbeschreiblich tiefen »In sich Sein« geprägt.

Ich stand am oberen Bettende und berührte die Schultern von Frau F. Sie nahm mich gar nicht wahr. Ich weiß noch genau – ich wollte irgendetwas »Passendes« sagen, aber mir fiel zum Glück nichts ein. In heiligen Momenten soll man eben schweigen!

Frau F. sah ihr Kind – es sah wirklich schlimm aus, noch blutverschmiert und eine klaffende, bis zur Nase offene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Sie nahm ihr Kind, drückte es an sich, streichelte es und sagte ganz leise – eigentlich nur für ihr Kind hörbar: »Baby, es wird alles gut werden«, und küsste es immer wieder auf den Kopf.

Ich glaube, die Hebamme bekam diesen Moment nicht mit. Sie gab noch ein paar routinemäßige Anordnungen, die auch ich nur in Trance wahrnahm, und versorgte die Nachgeburt. Was mich so rührte und heute noch so beeindruckt, war die Wandlung dieser Frau. Vor nicht einmal vier Stunden eine blasse, junge Frau, unsicher und teilnahmslos, wurde sie jetzt zu einer beeindruckenden, klaren Frau, die ihrem Baby Halt und Sicherheit gab. Sie konnte ihr Kind, so wie es war, willkommen heißen.

Sie hat nichts gefragt, keine technischen Details oder sonstige Behandlungsoptionen. Sie hat ihr Baby voll angenommen und ihm die schönste aller Sicherheiten mit auf den Lebensweg gegeben: »Es wird alles gut werden.«

Der Oberarzt kam herein, ich glaube, dass er die Situation sofort wahrgenommen hat, stellte sich vor, gratulierte der Mutter zu ihrem Kind und übernahm es zur Untersuchung. Neben der Gaumenspalte hatte das Kind leider noch einen Herzfehler, was dem Oberarzt viel größere Sorgen machte, und er musste es sofort auf die Neonatologie mitnehmen.

»Das mit der Gaumenspalte ist das geringere Problem, das ist heute gut operierbar und sie wird sicher ein ganz hübsches Mädchen«, sagte der Oberarzt. »Das mit dem Herz muss ich mir aber genauer ansehen. Morgen können Sie Ihr Kind besuchen kommen«, und verschwand mit seinem ganzen Tross – Assistenzarzt, Kinderintensivschwester und unserer kleinen Patientin im Brutkasten – in Richtung Kinderabteilung.

Zurück blieb Frau F. in ihrem Bett, eine ruhige, erschöpfte, aber – so könnte ich sie am besten beschreiben – zufriedene Frau. Gegen 2 Uhr früh habe ich mich verabschiedet und ihr gesagt, sie solle mich rufen lassen, wenn sie etwas bräuchte, und ging in die Kinderabteilung, um bei der Untersuchung des Kindes dabei zu sein.

In der Früh war ich auf meiner »Spritzentour« durch die Abteilung unterwegs und kam auch zu Frau F. »Guten Morgen«, begrüßte sie mich. »Hatten Sie wenigstens nach mir etwas Ruhe, es ist ja gestern ordentlich spät geworden.« Wieder war ich fast sprachlos. Gestern bei der Begrüßung nahm mich die gleiche Frau kaum wahr, konnte keine drei Worte sagen und heute begrüßt sie mich und fragt mich, wie es mir ginge.

Ich erzählte ihr, dass ich in der Nacht noch in der Kinderabteilung war und nach ihrer Tochter geschaut hatte und dass sich alle sehr um sie bemühten und es ihr gut ginge.

»Übrigens heißt meine Tochter Karoline«, sagte sie mir. »Wann kann ich sie denn besuchen?« Gegen 11 Uhr begleitete ich Frau F. in die Kinderabteilung. Da der Weg in die Kinderabteilung sehr weit war, empfahl ich Frau F., sie solle sich im Rollstuhl führen lassen, da sie sehr blass und kreislaufschwach war. Auf der Kinderabteilung wurden wir schon erwartet. Die Krankenschwestern kümmerten sich um Frau F. und erklärten ihr die Situation. Der Oberarzt war auch noch im Dienst und sagte, dass er Karoline in ein größeres Krankenhaus transferieren müsse, da sich die Herzkreislaufsituation nicht stabilisieren ließe. Frau

F. hörte sich alles an, während sie ihre Karoline im Brutkasten auf Wange, Oberarm und Handrücken streichelte. Frau F. konnte aber nicht lange bleiben, ihr Kreislauf war zu schwach, und so gingen wir zurück auf die Abteilung. Dort angekommen, entschied der diensthabende Oberarzt, Frau F. eine Bluttransfusion zu geben, da ihr Hämoglobinwert sehr tief abgesunken war.

Am Sonntagnachmittag kam die niederschmetternde Nachricht, dass Karoline noch vor der geplanten Transferierung ins Allgemeine Krankenhaus Wien akut verstorben sei. Als ich zu Frau F. auf die Station kam, war sie darüber schon informiert und begrüßte mich weinend: »Ich hab ja Karoline gesagt, es wird alles gut werden.« Wieder war ich sprachlos. Frau F. war tief traurig, das war spürbar. Sie hatte ihr Baby 18 Stunden vorher bekommen, es voll an genommen, geliebt, beschützt und jetzt konnte sie es auf so beeindruckende Weise wieder loslassen.

Sie wollte sich von Karoline verabschieden. Deshalb begleitete ich sie wieder auf die Kinderabteilung. Die Schwestern führten Frau F. zum Inkubator, in dem Karoline ganz friedlich lag. Ein ganz liebes Baby, nicht einmal die Gaumenspalte fiel störend auf. Die Schwestern erklärten Frau F., wie alles gekommen sei, wie sich alle bemüht hätten, und auch in einer Spezialklinik wäre sicherlich nichts zu machen gewesen. Ich glaube, Frau F. nahm das alles nicht wahr. Sie stand stumm vor dem Bettchen, die Tränen rannen über ihre Wangen und sie streichelte Karoline so zärtlich, wie sie es 18 Stunden vorher kurz nach der Entbindung tat.

Ich begleitete Frau F. wieder auf ihre Station zurück, und während wir die langen Gänge unterwegs waren, sprach sie mit ganz ruhiger, aber bestimmter Stimme, wie sie das Begräbnis gestalten möchte. Und wieder verblüffte mich Frau F. mit der Klarheit, mit der sie ihre Verantwortung trug. Sie überließ nichts den Behörden oder Institutionen, sie wusste ganz klar, was zu tun war.

In den vielen Jahren, die ich als Arzt bereits tätig bin, habe ich sehr viel von meinen PatientInnen gelernt, aber die Begegnung mit Frau F. war ein dramatischer Intensivkurs in Bezug auf Lebensbewältigung. Ich werde ihr immer dankbar sein, durch sie erlebt zu haben, wie eine Situation – auch eine so dramatische – aus einem Menschen einen besonderen Menschen machen kann. Sie erkannte intuitiv, was in der gegebenen Situation ihre Aufgabe war, eine Aufgabe, die ihr das Leben so unverblümt und brutal gestellt hatte. Frau F. konnte dazu bedingungslos »Ja« sagen. Niemand hätte diese Aufgabe besser lösen können als Frau F. Im Wahrnehmen dieser Aufgabe konnte sie aus sich und über sich hinauswachsen und wurde lebendig und klar.

Ich gehöre nicht zu denjenigen, die Leid verherrlichen. Leid ist etwas Furchtbares. Und was diese junge Frau durchgemacht hat, war unbeschreiblich. Aber Leid gehört scheinbar zum Leben dazu. Wo wir es ethisch vertretbar verhindern können, sollten wir es unbedingt tun, weil wir sicher nicht nur an den im Leid an uns gestellten Aufgaben wachsen können. Und damit ist es auch hinfällig, die Frage über Sinn und Unsinn von Leid zu stellen.

Als ich am Montagnachmittag müde und verwirrt aus dem Dienst ging, schaute ich noch bei Frau F. vorbei und verabschiedete mich von ihr. Eine Freundin war auf Besuch und beide Frauen weinten. Offenbar erzählte Frau F. ihre dramatischen Erlebnisse.

An Frau F. erlebte ich Heilung im schönsten und edelsten Sinn des Wortes. Eine blasse, teilnahmslose, fast geistig abwesend wirkende junge Frau, scheinbar unfähig, Kontakt aufzunehmen und Gefühle zu zeigen, verwandelte sich in einem Moment zu einer gesunden, starken Frau. Sie konnte ihre Gefühle zeigen, wunderbar mit diesen Gefühlen umgehen und war fähig, in einem Moment höchster Gefordertheit, Verantwortung zu übernehmen und zu tragen. Ich sah Frau F. nie wieder. Was ich jetzt erzähle, ist frei erfunden. So denke ich mir, dass Frau F. nicht nur die eine Freundin angerufen hat, die bei meiner Verabschiedung am Bettrand gesessen ist, sondern noch einige mehr, um mit ihnen ihre Trauer zu leben. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass Frau F. auch ihre Mutter benachrichtigt hat, mit ihrer gefühlvollen Art zu ihr Brücken bauen konnte, sie schließlich auf Besuch kam und ihre Mutter einfach tränenüberströmt fest umarmt hat. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass sie als klare, gefestigte Frau ihrer Mutter nicht einmal Vorhaltungen gemacht hat und das Verhalten ihrer Mutter während der Schwangerschaft einfach stehen gelassen hat. Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Mutter von Frau F. durch den Gefühlsausdruck ihrer Tochter sogar Beziehung zu ihrem Enkelkind aufbauen konnte, obwohl sie es doch nie gesehen hatte.

So könnte ich mir auch vorstellen, dass Frau F. nicht alleine, sondern in einer kleinen, aber sehr bewegten Gruppe Karoline gemeinsam bestattet hat. Und ich könnte mir außerdem vorstellen, dass die kleine Karoline als Schutzengel über das weitere Leben von Frau F. wacht, weil das, was die junge Mutter in diesen 18 Stunden in dieses Kind hineingeliebt hat, ewig bleiben wird.

aus:

Momente der Heilung

 

Momente der Heilung

von Hans und Georg Wögerbauer

Vom Überleben zum Leben, Wo Heilung beginnt – Wendepunkt zu einem erfüllten Leben, 224 Seiten, ISBN 978-3-7015-0524-1

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